Barmherzigkeit und Grundeinkommen?

Für die reformierte Theologin und postpatriarchale Ökonomiekritikerin Ina Praetorius ist das bedingungsloses Grundeinkommen die Übersetzung der biblischen Barmherzigkeit in die heutige Geldwirtschaft.

HAD-Praetorius

Barmherzigkeit ist für sie die Grundlage allen Lebens. Ohne einer bedingungslosen Antwort auf unsere lebensnotwendigen Grundbedürfnisse, wie Atmen, Trinken, Schutz, etc.. könnte niemand (über)leben, weder Mensch noch Tier. Und dieser Urgrund des Lebens wird in der Bibel als Barmherzigkeit, als “Mutterschößigkeit” angesehen, aus der alles Lebendige geboren wird. Es ist eine unversiegbare Quelle, die gibt, weil es benötigt wird. Weil wir alle Bedürftige sind. Und sie gibt uns auch durch-ein-ander. Wir sind aufeinander angewiesen, um zu leben. Und wir erfahren Barmherzigkeit, wenn wir von einander das Lebens-notwendige erhalten. Wenn wir füreinander sorgen.

In der Geldwirtschaft, in der es praktisch unmöglich ist, ohne Geld zu leben, wird das Bedingungslose Grundeinkommen zu einer Barmherzigkeit in der Form von Geld. Es eröffnet uns den Zugang zu all den Dingen, die für unser Leben mit Geld bezahlt werden müssen. Es ist wie eine Botschaft die besagt, dass wir von den andern erhalten und wir den andern geben. Und das auch ein Grund, warum das Grundeinkommen nicht losgelöst von Care gedacht werden kann/sollte.

Die Bedingungslosigkeit entspricht der Bedingungslosigkeit der göttlichen Mutterschößigkeit, die Leben spendet, ohne jegliche Gegenleistung. Denn alles andere – Arbeiten, Gerechtigkeit, etc.. hat erst Sinn, wenn es Leben gibt. Nachdem das Lebende geboren wurde. Erst die Geburt, die Gebürtlichkeit und mit ihr die Urerfahrung von Barmherzigkeit öffnet den Raum für alles andere, zum Beispiel für die zentrale Kategorie der Gerechtigkeit.

Ina Praetorius legte ihre Gedanken dar im Rahmen einer Tagung unter dem Titel: “Seid Barmherzig!”, die das Haus am Dom anlässlich des von Papst Franziskus ausgerufenen Jahres der Barmherzigkeit veranstaltete. Außer Ina Praetorius beleuchteten ein Pastoraltheologe (Zulehner), ein Philosoph (Jäger) und ein Befreiungstheologe (Silber) den Begriff der Barmherzigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wir waren präsent mit einem Infotisch.