Über Menschen, die auf etwas wie das BGE warten

Christian J. Meier

Wenn ich zu viel Zeit bei Podiumsdiskussionen verbracht habe, wo Repräsentanten von Institutionen, an denen es uns in Deutschland wahrlich nicht mangelt, ihre Zweifel am BGE ausbreiten können, dann tut es gut, auf die Straße zu gehen. Und Zustimmung zu erfahren. Vereinzelt sogar eine Sehnsucht nach etwas wie dem BGE zu spüren.
Letzten Samstag haben wir in Darmstadt eine Aktion mit unserer Bodenzeitung gemacht, in Kooperation mit Vertretern des Bündnis Grundeinkommen, die derzeit Unterstützungsunterschriften für ihre Hessische Landesliste sammeln.
Unser Standort an der Stadtbibliothek liegt zwischen einem großen Parkplatz und der City, ein schmaler Streifen, sodass niemand einen Bogen um uns machen konnte.

Was würdedst du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre
Diskussion an der Bodenzeitung

Kaum jemand kam also unserer Frage aus: „Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?“
Viele riefen im Vorbeigehen etwas wie „das Gleiche wie bislang“, die weitaus beliebteste der Optionen auf unserer Bodenzeitung. Es gibt sie also noch: Die Menschen, die mit ihrem Job glücklich sind. Der oft genannte Zusatz „vielleicht etwas weniger als jetzt“ verweist indessen auf die Arbeitsverdichtung. Wer zu den Glücklichen gehört, einen Job zu haben, von dem er leben kann, der muss dafür umso mehr strampeln. Einfach nur gut gehen darf es eben niemandem in diesem Lande.
Wie jene Frau, Mitte 50, die als Betreuerin im sozialen Bereich arbeitet (zur Wahrung der Anonymität ist die Beschreibung unscharf gehalten). Im Gespräch ist zu spüren, dass ein BGE für sie wie eine Befreiung wirken würde. „Ich werde nach Fallpauschalen bezahlt“, klagt sie. Deren bescheidene Größe zwingt sie, viele Fälle zu bearbeiten. Dadurch kann sie sich um den Einzelfall nur ungenügend kümmern. Masse statt Klasse eben. Mit einem BGE könnte sie die Zahl der Fälle reduzieren und sich wirklich um ihre verbliebenen Kunden kümmern. Sie blickt nachdenklich auf unsere Bodenzeitung. „So ein Grundeinkommen wäre wirklich gut“, sagt sie.
Man kann dieses Beispiel in einem Satz zusammenfassen: Das BGE würde der Betreuerin ermöglichen, ihren Job zu tun. Skeptiker machen sich immer Sorgen, das BGE würde Arbeit verhindern. Das Gegenteil ist der Fall. Götz Werner, dm-Chef und prominenter BGE-Befürworter, sagte auf einem Vortrag, er habe bei Vorstellungsgesprächen irgendwann kapiert, dass er seine Mitarbeiter so bezahlen muss, dass sie für ihn arbeiten können. Die real existierende Arbeitswelt leistet dies immer weniger.

Nach fünf Stunden ist die Bodenzeitung gut ausgefüllt
Nach ca. 5 Stunden ist unsere Bodenzeitung gut befüllt

Dann kommt eine andere Frau zur Bodenzeitung. Sie ist Anfang 60 und bezieht eine bescheidene Erwerbsminderungsrente. Sie würde sich gerne etwas dazuverdienen, mit einer Tätigkeit, die sie ausführen kann. Da sie ohne Anrechnung auf die Rente nicht mehr als 450 Euro dazuverdienen kann (Ab 1. Juli wird es unwesentlich mehr sein), was etwa drei Arbeisstunden täglich entspricht, wird das aber nichts. „Wer stellt schon jemand für drei Stunden ein“, sagt sie resigniert. Auch für sie wäre das BGE ein Ausweg. Es ist ja an keine Bedingungen geknüpft. Also auch nicht an den negativen Anreiz, weniger als drei Stunden zu arbeiten. Hallo, liebe Skeptiker: Das jetzige System vergällt es Arbeitswilligen, ihren Wunsch auszuleben. Das BGE würde es ihnen ermöglichen. Ich weiß, es ist manchmal schwer zu ertragen, wenn die gewohnten Vorurteile ins Gegenteil verkehrt werden, aber da müsst ihr durch. Ein vom BGE veränderter Arbeitsmarkt wäre wohl auch offener für kurze Arbeitszeiten, da das BGE die Arbeitsplatzteilung fördern würde, denn viele wollen weniger arbeiten.
Und schließlich kommt freudestrahlend eine dritte Frau, Mitte 40, und teilt mit, dass sie jedes Mal bei Michael Bohmeyers Grundeinkommen-Verlosung dabei ist. Leider habe sie noch nicht gewonnen. Man sieht ihr die Hoffnung an, dass dies einmal geschehe. „Das Grundeinkommen wäre so eine gute Sache für die Gesellschaft“, sagt sie.
Gut, repräsentativ sind diese Beispiele nicht, aber sie zeigen, dass es Bürger gibt, denen es aufgrund ihrer beruflichen Situation nach einem BGE dürstet.
Freilich begegnet uns auch Skepsis. Ein Mann um die 50 (dass ein Vertreter des starken Geschlechts die unrühmliche Rolle spielen muss, ist Zufall. Auch Frauen äußern sich in ähnlichem Sinne) sagt bei einer Diskussion um die Finanzierung des BGE den viel sagenden Satz: „Das deutsche Steuersystem zu ändern ist unmöglich!“ Das „Unmöglich“ betont er als handle es sich um ein Naturgesetz. Er dreht sich um und geht.

Er beraubt uns somit der Möglichkeit, etwas zu entgegnen. Man hätte folgendes sagen können: Wir Deutsche haben das Auto erfunden. Wir haben als Erste Atomkerne gespalten.
Wir haben den Sprung von einer brutalen Diktatur in eine vielleicht etwas langweilige aber veritable Demokratie geschafft. Wir haben die Berliner Mauer gestürmt.
Aber vor unserem Steuersystem müssen wir leider kapitulieren?
Wie lächerlich ist das denn?
Unmöglich-Sätze sind selten wahr.
Auch dieser nicht. Das Steuersystem ändert sich laufend. Zu Gunsten der Reichen halt. Das geht in diesem Lande problemlos, fast wie ein Abo, kontinuierlich. Der Spitzensteuersatz beträgt heute 42 Prozent. Um die Jahrtausendwende waren es 47 Prozent.
Ein Satz mit dem nach Berechnungen des Bad Homburger Volkswirts Robert Carls ein BGE von 1100 Euro monatlich finanzierbar wäre. Die einkommensstärksten zehn Prozent der Deutschen müssten nicht auf viel verzichten um das Verlangen nach einer menschlicheren Arbeitswelt zu befriedigen.
Das System zu Gunsten der Armen und Schwachen zu verändern ist nur so lange unmöglich, wie diese sich nicht artikulieren.
Diejenigen, die sich ein BGE wünschen, müssen dies den Politikern mitteilen! Ohne diesen Input aus der Bevölkerung wird sich die Politik nicht bewegen. Mit ihm schon. Wenn er von vielen getragen wird.


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