Archiv der Kategorie 'Aktionsberichte'

DAS BGE IST MIR WICHTIG …..

Am 6. Mai 2017 gastierte die BGE17-Tournée in Frankfurt. Ca. 80 Teilnehmende nahmen die Gelegenheit wahr, sich in intensiven Gesprächen miteinander und mit den sechs geladenen Referierenden auszutauschen.

Es wird an einer Dokumentation gearbeitet, die demnächst hier veröffentlicht werden wird.

Vorerst nur eine kleine Zusammenstellung der Antworten, die einige der Teilnehmenden auf die Frage formulierten:

DAS BGE IST MIR WICHTIG …..

- damit soziale Gerechtigkeit gefördert wird

- weil der immer größere Mangel an Arbeisplätzen die Menschen negativ verändert

- weil das Geld in die falschen Taschen fließt

- weil die wirklich notwendigen Aufgaben nicht angemessen gewertschätzt werden, man davon nicht glücklich und zufrieden leben kann (Care, Bildung)

- weil es sonst irgendwann knallt (Einkommensunterschiede, Gerechtigtkeit)

- weil mir Selbstverwirklichung durch Arbeit wichtig ist und der Zwang ein Einkommen zu erzielen, dieses zunehmend unmöglich macht

- weil ich dann betreffs Sozialleistungen, z.B. Grundsicherung, nicht mehr als “gläserner Mensch” vor Behörden auftreten müßte

- weil es Sicherheit, Freiheit und weitere Möglichkeiten eröffnet

- weil es ein Lösungsansatz für die Wirtschaftsprobleme ist und persönliche und gesellschaftliche Werte neu diskutiert werden müssen

- weil ich persönlich einige Menschen kenne, die aufgrund künstlerischer Tätigkeit und anderer selbständiger Arbeit mit sehr geringen Einkommen durchs Leben lavrieren….

- weil künftiger Wegfall vieler Arbeitsplätze neue Wege erfordern

- weil wir alle geboren wurden

- weil die Gesellschaft gerechter, mit weniger Angst, freier gestaltet werden kann, weil so wie es ist, steckt die Gesellschaft in der Sackgasse und zerstört die Umwelt

- weil ich will, dass meine Kinder in einer gewissenhafteren Welt aufwachsen

- weil die krasse Armut überwunden werden soll

- weil die Menschen mehr Freiheit bekommen sollen

- weil seine Befürworter die richtigen Fragen stellen

- weil (möglicherweise) eine Umverteilung des gesellschaftlichen, erwirtschafteten Reichtums damit beginnen kann

- Ist das BGE z.Z. wichtig, weil wir sehr viele Geflüchtete in die Gesellschaft integrieren müssen oder ist es gerade im Moment hilfreich?

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Eine weitere Frage wurde gestellt.

WAS KANN UND WILL ICH TUN, DAMIT DAS BGE WIRKLICHKEIT WIRD?

Folgende Antworten wurden gesammelt:

- Ich arbeite im Nord-Süd Dialog und werde Möglichkeiten des BGE systematisch in Projektarbeiten einbetten

- In meiner Partei, SPD, Überzeugungsarbeit leisten

- Aufklärung, Gedanken aufschreiben, Modell hinterfragen

- Mich kundig machen und klug reden

- Wählen! Bei der Bundestagswahl im Herbst 2017

- Das Thema überall ansprechen

- Information und Diskukssionen im privaten Umfeld, Familie, Freunde, Kollegen, Bekannte

- Diskussionen aktiv verfolgen, Infos lesen, Newsletter im Freundeskreis diskutieren, politische Befürworter unterstützen

- Das BGE immer wieder ins Gespräch bringen

- Alles, was die Einführung voran bringt

- Mich selbst informieren und in die Diskussion gehen

- Das Thema, wo immer es ist, bekannt machen

- 1. mich informieren und 2. dafür im Bekanntenkreis werben

- Plädieren für ein Ende der Drangsalierung und für eine gute Grundrente

- Andere “Bilder” von Gesellschaft in den Lehrplänen
- Partei – Gremien übergreifend zusammenarbeiten
- Das Denken muss sich verändern, (Arbeit = Wert)

Fazit: Es lohnt sich, Menschen zusammenzubringen, damit sie gemeinsam über sozialpolitische Fragen diskutieren.

Too big to fail? – Das ist fake-news!

David

Da er überzeugt ist zu siegen, weil er Recht gegen Frevel verteidigt, stellt sich der junge unerfahrene David dem gewaltigen Krieger Goliath entgegen. Nur mit einer Steinschleuder in der Hand geht er auf den schwer bewaffneten Riesen zu. Dieser fühlt sich verhöhnt von der Dreistigkeit Davids, ihn zu einem derart ungleichen Kampf herauszufordern. Doch mit unbeirrter Sicherheit zielt David auf Goliath und sein kleiner Stein trifft ihn tödlich am Kopf. Daraufhin reisst er dem Riesen das Schwert aus der Hand und enthauptet ihn.

Diese Geschichte vom Sieg des mutigen Machtlosen über jemanden der sich als “Too big to fail” propagiert, ist seit Jahrhunderten ein befreiendes Narrativ. Am Weltfrauentag 2017 haben wir dieses in den heutigen Kontext gestellt: Wenn Männer ihren fairen Anteil an der Care-Arbeit einfordern (und leisten) und es für Alle ein Bedingungsloses Grundeinkommen gibt, dann wird die angebliche Alternativlosigkeit des lebensfeindlichen kapitalistischen Systems zusammenbrechen. Denn dann werden Menschen nicht mehr als Arbeitskraft auf dem Erwerbsarbeitsmarkt erpressbar sein, weil ihre Existenz abgesichert ist. Nicht mehr Wachstum und Profit werden im Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik stehen, sondern das Gute Leben für Alle.

(Dieser Beitrag erschien gleichzeitig auch hier

Ohne Existenzsicherung ist Care Arbeit nicht möglich

UmCarewordle
Wie der Thementag zur Sorgearbeit aufzeigte: gute Sorgearbeit braucht Existenzsicherung. Damit sich Menschen um Menschen kümmern, ist es notwendig, dass sie über Zeit verfügen.

Sorgearbeit ist Arbeit am Menschen. Es geht dabei nicht nur darum, dass ein Mensch satt wird oder sauber, sondern auch, dass sowohl die sorgende Person als auch die Sorgeempfangende in ihrer Interaktion miteinander erfahren, dass sie wertvoll sind, weil sie menschliche Würde haben. Und das ist nur möglich, wenn der Akt der Sorge mit einem Minimum an Achtsamkeit erledigt wird. Angefangen mit der Achtsamkeit der sorgenden Person sich selbst gegenüber. Wenn aber die Sorgetätigkeit immer nur unter Zeitdruck erledigt werden kann, sieht es damit nicht gut aus.

Zeit hat aber nur jemand, der die auszuübende Tätigkeit und ihre Qualität als seine Priorität sieht. Wenn nicht die Tätigkeit an sich Priorität ist, sondern z.B. die Erfüllung eines Leistungsplans mit immer knapper bemessenen zeitlichen Vorgaben, dann entsteht Zeitnot. Weil Zeit dann nicht mehr eine Ressource ist, um eine Tätigkeit auszuüben, sondern eine Ware, die gegen Geld verkauft wird. Nach dem Motto: “Zeit ist Geld”. Oder weil die Zeit, die für Sorgearbeit verbraucht wird, auf Kosten von Zeit geleistet wird, die für anderes benörigt wird, besonders für Erholung. Um selbst wieder Kraft schöpfen zu können. Sorgearbeit – Reproduktionsarbeit – wird untersolchen Bedingungen behandelt wie Produktionsarbeit. Wie Arbeit zur Herstellung von Produkten, die mit einer Gewinnmarge auf einem Markt verkauft werden sollen: Wie Arbeit, die bei steigender Produktivität entsprechend größere Gewinnmargen abwirft.

Wie sollten dann aber die Bemessungskriterien für die Bezahlung von Sorgearbeit sein?

Wie Ingrid Kurz-Scherf in ihrem Einführungsreferat darlegte, wird diese Frage dahingehend beantwortet, dass Sorgearbeit idealisiert und für “unbezahlbar” erklärt wird. Was dazu führt, dass sie weitgehend nicht bezahlt wird. Oder – wenn erwerbsförmig organisiert – schlecht bezahlt wird.

Aber wovon sollen denn die Menschen leben, die große Teile ihrer Zeit für Sorgearbeit verwenden?

Und warum sollen denn nur bestimmte Menschen “unbezahlbare” Sorgearbeit leisten und dafür auf eigenes Geld verzichten?

Das ist die Frage!

Die Einführung eines existenzsichernden Bedingungslosen Grundeinkommens würde hier sehr vieles verändern. Es würde nämlich vielen Menschen die Möglichkeit eröffnen, freier über ihr persönliches Zeitbudget zu verfügen. Sie wären entlastet, Arbeiten ausüben zu müssen, um damit in erster Linie ihre Existenz zu sichern. Diese wäre ja abgesichert. Sie könnten also (größere) Teile ihrer Zeit für Sorgearbeit verwenden. Sorgearbeit für sich selbst und für andere. Sorgearbeit könnte somit gerechter verteilt werden. Und damit würde sich ihre Qualität auch verbessern.

Barmherzigkeit und Grundeinkommen?

Für die reformierte Theologin und postpatriarchale Ökonomiekritikerin Ina Praetorius ist das bedingungsloses Grundeinkommen die Übersetzung der biblischen Barmherzigkeit in die heutige Geldwirtschaft.

HAD-Praetorius

Barmherzigkeit ist für sie die Grundlage allen Lebens. Ohne einer bedingungslosen Antwort auf unsere lebensnotwendigen Grundbedürfnisse, wie Atmen, Trinken, Schutz, etc.. könnte niemand (über)leben, weder Mensch noch Tier. Und dieser Urgrund des Lebens wird in der Bibel als Barmherzigkeit, als “Mutterschößigkeit” angesehen, aus der alles Lebendige geboren wird. Es ist eine unversiegbare Quelle, die gibt, weil es benötigt wird. Weil wir alle Bedürftige sind. Und sie gibt uns auch durch-ein-ander. Wir sind aufeinander angewiesen, um zu leben. Und wir erfahren Barmherzigkeit, wenn wir von einander das Lebens-notwendige erhalten. Wenn wir füreinander sorgen.

In der Geldwirtschaft, in der es praktisch unmöglich ist, ohne Geld zu leben, wird das Bedingungslose Grundeinkommen zu einer Barmherzigkeit in der Form von Geld. Es eröffnet uns den Zugang zu all den Dingen, die für unser Leben mit Geld bezahlt werden müssen. Es ist wie eine Botschaft die besagt, dass wir von den andern erhalten und wir den andern geben. Und das auch ein Grund, warum das Grundeinkommen nicht losgelöst von Care gedacht werden kann/sollte.

Die Bedingungslosigkeit entspricht der Bedingungslosigkeit der göttlichen Mutterschößigkeit, die Leben spendet, ohne jegliche Gegenleistung. Denn alles andere – Arbeiten, Gerechtigkeit, etc.. hat erst Sinn, wenn es Leben gibt. Nachdem das Lebende geboren wurde. Erst die Geburt, die Gebürtlichkeit und mit ihr die Urerfahrung von Barmherzigkeit öffnet den Raum für alles andere, zum Beispiel für die zentrale Kategorie der Gerechtigkeit.

Ina Praetorius legte ihre Gedanken dar im Rahmen einer Tagung unter dem Titel: “Seid Barmherzig!”, die das Haus am Dom anlässlich des von Papst Franziskus ausgerufenen Jahres der Barmherzigkeit veranstaltete. Außer Ina Praetorius beleuchteten ein Pastoraltheologe (Zulehner), ein Philosoph (Jäger) und ein Befreiungstheologe (Silber) den Begriff der Barmherzigkeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Wir waren präsent mit einem Infotisch.

Postpatriarchal denken – wie geht das?

Es ist eine Selbstermächtigung – am besten gemeinsam –, die Schablonen, die unser Denken und Fühlen modellierten, abzuwerfen und tief in sich hinenzuhorchen, was uns wirklich kostbar ist. Und dann zu überlegen, wie wir es verwirklichen können.

Und genau diese Übung stand auf dem Programm der 9. Bundesfrauenkonferenz der IG-BAU, zu der man zwei von uns als Vertreterinnen der Initiative Bedingungsloses Grundeinkommen in Frankfurt einlud. Die Übung wurde zwar nicht so benannt, aber in der Umsetzung ging es genau darum. In vier Workshops von jeweils drei Stunden analysierten wir, warum unsere Gesellschaft zwischen Frauen und Männern Unterschiede macht, die Frauen benachteiligen, und was getan werden könnte und jede von uns tun kann, damit sich das ändert. Es wurde lösungsorientiert gearbeitet, also mit Disziplin darauf geachtet, für jeden benannten Missstand einen positiven Zielzustand zu formulieren, und möge er unter Umständen auch utopisch anmuten. Denn postpatriarchales Denken ist ein Denken im Exodus-Modus. Es ist wegweisend. Es löst den Blick von den Fleischtöpfen der Sklaverei. Es führt aus der Gefangenschaft und durch die Wüste hindurch. Denn jenseits davon wartet das Gelobte Land. Es galt also, nicht im Opfermodus zu verharren, sondern sich bewußt zu machen, dass es Ressourcen gibt, besonders als Gruppe, auf die jede von uns zurückgreifen kann, um gemeinsam das Gute Leben für Alle zu gestalten.

Seit vier Jahren beschäftigen sich die Frauen der IG-BAU mit der Frage: “Wie wollen wir leben?”. Jedes Jahr wurde ein Thema vertieft, z.B. Glück. Was bedeutet es und wo findet man es. Was macht es mit uns, warum ist es so wichtig. Dann Geld. Woher kommt es, was ist es, was tut es, was bedeutet es mir. Oder Zeit. Wobei entdeckt wurde, dass es ganz unterschiedliche Zeiten gibt, zum Beispiel Chronos und Kairos. Und sie hielten fest: “Nach uns die Zukunft”. Und bauten eine Arche wie Noah, auf der sie alles das aufluden, was ihnen so wertvoll erschien, dass sie es in die Zukunft hinüberretten wollten. Und schließlich Freiheit. Die Ergebnisse dieser Arbeit wurden auf Tafeln festgehalten, aus denen jeweils ein Kalender entstand. Nun bilden sie eine wunderschöne Wanderausstellung, die verliehen wird.

Carearbeit war natürlich ein wichtiges Thema. Denn eines der Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die die Gesellschaft macht, ist die ungleiche Verteilung von Carearbeit, sowie auch von gut bezahlter aber auch von unbezahlter Arbeit. Das ist jedoch keine Fatalität, wie wir feststellten. Jede von uns kann ihren Beitrag leisten, dass sich das ändert. Zuallererst, indem jede ihr Denken und dann entsprechend ihr Verhalten ändert. Besonders wichtig ist jedoch, dass wir gemeinsam an der Veränderung arbeiten. Und auch die Männer einbeziehen. Das fängt damit an, dass wir lernen, die Kontrolle über Bereiche wie den Haushalt loszulassen und akzeptieren, dass die Männer nach ihrer Art manche Tätigkeiten erledigen, wie die Spülmaschine einzuräumen oder die Kinder anzuziehen. Aber auch durch kleine Aktionen, wie bei bestimmten Festen verschiedene Preise für den Kuchen zu verlangen, nämlich 1 Euro für einen Mann und 78 Cent für eine Frau, um dadurch den statistischen Pay Gap zu verdeutlichen. Oder Frauen ein ganzes Stück Kuchen zu geben, während die Männer nur 1/4 Kuchen erhalten, entsprechend dem statistischen Care Gap. Denn wer nicht arbeitet soll doch nicht essen. Oder?

Übrigens, die Einführung eines empanzipatorischen Grundeinkommens sehen die IG BAU Frauen als einen wichtigen Baustein zu dem erwünschten gesellschaftlichen Wandel. Mit einem Antrag wollen sie sich in ihrer Gewerkschaft dafür einsetzen, dass es dort offiziell diskutiert wird. Und mit zwei weiteren Anträgen wollen sie, dass die Gewerkschaft sich offensiv einsetzt für die Verkürzung der Arbeitszeit und gegen Arbeitsverdichtung, und dass sie diskutiert, wie überhaupt die Zukunft von Leben und Arbeiten aussehen soll.