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Gewerkschafterinnen und BGE

Sylvia

Sylvia Honsberg, Bundesfrauensekretärin der IG BAU hielt folgende Rede beim Neujahrsempfang 2018 ihrer Gewerkschaft in Wiesbaden.

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

den Jahreswechsel verbinden wir oft mit einem Rückblick auf das vergangene Jahr. Erinnern uns an Erfolge und schöne Momente. Und auch an das, was vielleicht nicht so gelaufen ist, wie wir es uns gewünscht hätten.

Wir nehmen Abschied vom alten Jahr und freuen uns auf das neue.

Viele Menschen in Deutschland begrüßen in der Silvesternacht das Neue Jahr mit einem Feuerwerk.
Manche schreiben Karten, etliche schicken Nachrichten über das Smartphone. Immer verbunden mit Hoffnung und guten Wünschen

Abschied und Neubeginn beschreibt zeitlos das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Leben bedeutet immer Wechsel und Veränderung. Und Hesse ermutigt in seinem Gedicht, diesen Prozess selbst zu gestalten.

Er fordert dazu auf, an nichts zu kleben weder an materiellen Dingen noch an Anschauungen. Wir sollen uns weiterentwickeln, uns trauen, neue, ungewohnte Wege zu gehen.

Zum Neuen Jahr wünsche auch ich Euch persönlich Glück und Erfolg, wie auch uns allen auf der gesellschaftlichen Ebene ein gesundes, ein friedvolles Jahr.

Wir haben das große Glück, dass es in Deutschland seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr gegeben hat.

Global sieht das ganz anders aus. Da gibt es sehr viele Kriege, Gewalt, Hunger und Not. Das hat Auswirkungen auch auf uns. Ende 2016 waren 65,6 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Ein Teil von ihnen kommt auch zu uns, mit den all den Schwierigkeiten, die wir erleben.

Der wesentliche globale Krieg heißt: Reich gegen Arm. Das spüren auch wir.

Die Reichtumsverteilung spaltet die Welt und auch unsere Gesellschaft. Acht Milliardäre – alles Männer – besitzen so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Das hat die neueste Studie von Oxfam ermittelt. Auch in Deutschland besitzen 36 Milliardäre so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Das reichste Prozent besitzt rund ein Drittel des gesamten Vermögens, während die Zahl der überschuldeten Haushalte wächst. Immer mehr Menschen sind auch bei uns von Wohlstand und Wachstum abgekoppelt. Obdachlose, Bettler, Menschen, die im Müll nach Verwertbarem suchen, gehören zum Alltagsbild unserer Städte.

Der gegenwärtige Wachstums- und Beschleunigungswahn ist nicht nur menschenfeindlich. Er zerstört auch unsere Lebensgrundlagen.
Ständig berichten die Medien über Katastrophen und Raubbau. Für viele ist die Apokalypse eher vorstellbar als eine gute Zukunft.

Die Ziele einer neuen großen Koalition beinhalten keine wirklichen Veränderungen, sie zeugen vielmehr von dem „Erschlaffen“ einer Politik, die sich eingerichtet hat in der sozialen Ungerechtigkeit.

Wo bleibt die Hoffnung?

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

was mich am meisten fasziniert an Hesses Gedicht „Stufen“ ist seine grundoptimistische Weltanschauung. Davon können wir lernen.

Uns lösen vom dem Glauben, dass es keine Alternativen zu dem neoliberalen „Weiter-so“ gibt.
Abschied nehmen von dem gemütlichen Elend vorm Flachbildschirm. Hesses Gedicht heißt „Stufen“. Das heißt sich weiterentwickeln.
Umdenken, anfangen neue Visionen und Ziele anzupeilen.
Vertrauen auf den Zauber des Anfangs, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wie wollen wir leben? Wie soll das Morgen für uns und künftige Generationen aussehen?
Die IG BAU Frauen sind schon vor einigen Jahren aufgebrochen und haben sich auf die Reise begeben.

Da es Frauen sind, haben sie auch nach dem Weg gefragt.
Wir haben viele Modelle und gute Beispiele gefunden.
Und wir haben daraus unsere eigenen Vorstellungen formuliert. Die Broschüre „Wie wollen wir leben? habe ich Euch mitgebracht.

Jetzt geht es darum, Verbündete zu finden. Die Diskussion um faire Arbeit und ein gutes Leben für alle zu verbreitern.

Die Kolleginnen haben dazu Anträge an den IG BAU Gewerkschaftstag und die DGB-Bundesfrauenkonferenz gestellt. Beide Kongresse haben ihre Bereitschaft mit großer Mehrheit erklärt.

Im Wesentlichen geht es um vier Punkte, die miteinander verknüpft sind:

1. Neue Werte für Wirtschaft und Gesellschaft

Anstelle von Wachstum und gnadenlosem Wettbewerb brauchen wir ein vorsorgendes Wirtschaften: Die Sorge für sich und andere sowie für zukünftige Generationen muss im Mittelpunkt des Handelns stehen.

Dazu gehört die Sorge für natürliche Mitwelt. Es ist höchste Zeit, das Leid der Tiere zu beenden und den Raubbau an den natürlichen Ressourcen.

Ein gutes Leben für alle als Richtschnur der Wirtschaft – Kooperation statt Konkurrenz. Die Produktion muss sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren. Die Glücksforschung gibt da gute Anhaltspunkte. Menschen müssen ihre Grundbedürfnisse sichern können, sie brauchen gesellschaftliche Teilhabe, Sinn und Beziehung. Mehr Geld macht nicht mehr glücklich.

2. Soziale Sicherung für alle

Die IG BAU Frauen erachten ein Bedingungsloses Grundeinkommen als einen wichtigen Teil der Lösung. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Modelle. Wir lehnen neoliberale Ideen einer Sozialpauschale strikt ab. So haben beispielsweise Erwerbsunfähige oder Behinderte einen Mehrbedarf. Erwerbsarbeit muss einen höheren Lebensstandard ermöglichen. Dafür brauchen wir nach wie vor die Sozialversicherungen und Mindestlöhne.
Erwerbstätigkeit ist mehr als Broterwerb. Sie kann den Lebenssinn erhöhen, Struktur geben, soziale Kontakte fördern, zur Selbstverwirklichung beitragen usw.

Die IG BAU-Frauen teilen die Definition des „Netzwerks Grundeinkommen“:
„Ein Grundeinkommen ist ein Einkommen, das eine politische Gemeinschaft bedingungslos jedem ihrer Mitglieder gewährt.
Es soll
• die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen,
• einen individuellen Rechtsanspruch darstellen sowie
• ohne Bedürftigkeitsprüfung und
• ohne Zwang zu Arbeit oder anderen Gegenleistungen garantiert werden.“

Es gibt so viel unbezahlte Arbeit im privaten Bereich, die erst die Voraussetzungen für die Erwerbsarbeit schafft. Wäre Geld die einzige Motivation für Arbeit, hätte niemand von uns überlebt. Wir alle sind auf die Sorge- bzw. Care-Arbeit angewiesen. Ebenso trägt ehrenamtliches Engagement maßgeblich zum Funktionieren unserer Gesellschaft bei.
Die Arbeit für und mit Menschen – bezahlt und unbezahlt – bedarf einer neuen Bewertung und größerer Anerkennung. Sie ist die Grundlage einer solidarischen Gesellschaft.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen könnte die soziale Sicherung aus der Abhängigkeit von der Erwerbsarbeit befreien.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht eine individuelle Lebensgestaltung und eine selbstbestimmte Erwerbsbiografie. Es könnte Start-Up Unternehmen, Selbständigkeit, die Lebenssituation von Bauern oder genossenschaftliche Projekte erleichtern.
Ein Bedingungsloses Grundeinkommen könnte Alters- und Kinderarmut, die Armutsgefährdung Alleinziehender sowie erzwungene Obdachlosigkeit beenden und die Existenzängste vieler Menschen auflösen.

Ein Bedingungsloses Grundeinkommen könnte die Verhandlungsmacht der abhängig Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften stärken. Niemand müsste mehr miese Arbeitsbedingungen und Ausbeutung akzeptieren.

Und es wäre bezahlbar durch eine Rückverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten. Dazu gehören Maßnahmen wie die Schließung von Steuerschlupflöchern, Transparenz bei Gewinnen internationaler Konzerne sowie entsprechende Steuern auf sehr hohe Einkommen und Vermögen.

Auch zum Bedingungslosen Grundeinkommen haben die IG BAU Kolleginnen eine Broschüre mit den wichtigsten Argumenten erarbeitet. Sie hat den Titelt: „Vom Recht auf Erwerbsarbeit zum Recht auf Existenz!“

Der dritte Punkt heißt:

3. Arbeitszeit verkürzen

Die Erwerbsarbeit beherrscht das Leben vieler Menschen:
Überlange Arbeitszeiten, Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, lange Wegezeiten, Leistungsverdichtung, Zielvorgaben, die in der regulären Zeit nicht zu schaffen sind usw.

Die Folgen sind bekannt: Immer mehr Menschen leiden unter Zeitnot, psychischen Erkrankungen, bis hin zum Burnout, dem Punkt der Entfremdung, wo die Lebensflamme erlischt und nichts mehr Sinn macht.

Es bleibt immer weniger Raum und Kraft für Sorgearbeit und Ehrenamt. Das erleben wir in den Gewerkschaften, aber auch Vereine, Chöre, Parteien finden kaum noch Nachwuchs. Die Vereinzelung nimmt zu.

Die Digitalisierung schafft neue, qualifizierte Erwerbsarbeitsplätze, sie verschärft aber auch prekäre Arbeit und rationalisiert viele Tätigkeiten weg. Vollbeschäftigung ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht zu erwarten.

Von daher fordern die IG BAU Frauen eine Verteilung der Erwerbsarbeit auf mehr Schultern durch eine generelle Verkürzung der Wochenarbeitszeit mit dem Ziel einer 30 Stunden Woche bei vollem Lohnausgleich.
In Verbindung mit einem Grundeinkommen ergeben sich daraus bessere Chancen einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Frage der partnerschaftlichen Teilung aller gesellschaftlichen Arbeit könnte sich neu stellen.

Das ist unabdingbar verbunden mit dem vierten Punkt:

4. Caring Democracy

Das bedeutet, die Sorgearbeit in den gesellschaftlichen Mittelpunkt zu rücken: Das Recht und die Pflicht für Alle zu sorgen und umsorgt zu werden.
Themen wie Gesundheit, Bildung und Füreinander-Dasein als zentrale Ziele des Miteinanders anzustreben. Die Teilung aller gesellschaftlichen Aufgaben und die Beteiligung an der Gestaltung des Zusammenlebens.

Wenn wir darüber wirklich reden, stellt sich die Frage nach den Aufgaben für uns als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter unter neuen Aspekten.
Wir können unsere Hoffnung nicht auf die Regierung setzen: Eine neue große Koalition wird im Wesentlichen so weitermachen wie bisher – mit all den fatalen Folgen.
Angela Merkel erklärt: Deutschland geht es gut! Und sie sieht nicht oder will nicht sehen: Immer mehr Menschen geht es nicht gut.

Wir sind als Gewerkschaften die Vertretung der Arbeit. Und ich wünsche mir, dass wir unseren Arbeitsbegriff erweitern. Nicht nur die Erwerbsarbeit zählt, sondern alle Arbeit.

Ich wünsche mir für das neue Jahr, dass wir ein Gegenpol werden: Uns einsetzen für eine gute Zukunft.
Vorstellungen entwickeln, was uns wirklich wichtig ist. Scheren aus dem Kopf nehmen.
Uns trauen, umzudenken. Uns aufzumachen, Lösungen zu finden
Es gibt schon so viele wunderbare Ideen, Beispiele und Initiativen.
Etliche davon zeigt der Film: Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen.
Ich kann Euch nur empfehlen, den – vielleicht auch miteinander – anzuschauen. Ich lass ihn gerne hier.
Am 23. März treffen sich Kolleginnen aus der Unia in der Schweiz, der Gewerkschaft Bau-Holz aus Österreich und der IG BAU wieder.
Im Rahmen der nächsten 3-Länder Konferenz gibt eine Veranstaltung mit Christian Felber. Christian Felber ist Autor etlicher Bücher, Mitbegründer von attac-Österreich und der Gemeinwohlbank. Mittlerweile ist er auch ein vielgefragter Referent, der etliche Preise erhalten hat. Er wird uns das Modell der Gemeinwohlökonomie vorstellen. Ich lade Euch herzlich zu seinem Vortrag ein. Und ich freue mich riesig, wenn ihr am 23. März abends nach Steinbach kommt, um über alternative Wirtschaftsideen zu diskutieren

Im Krieg Reich gegen Arm ist noch nicht alles verloren. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Juli 2010 wünschen sich 88 Prozent der Deutschen und 90 Prozent der ÖsterreicherInnen eine „neue Wirtschaftsordnung“.

Wir sind den Entscheidungen der Regierung oder der Wirtschaftsbosse nicht hilflos ausgeliefert. Herrschaft funktioniert auf Dauer immer nur mit der Zustimmung der Unterdrückten.

In diesem Sinn möchte ich den Schluss von Hesse‘ s Gedicht noch einmal vergegenwärtigen:

„Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde…“
Abschied von den kranken Vorstellungen grenzenlosen Wachstums und Beschleunigung, Abschied von der irrsinnigen Idee, dass Wettbewerb, Geiz und Ellbogen das Wohl aller fördern könnten.

Wir können unsere Macht einsetzen, indem wir klar sagen, wie wir leben wollen und uns als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gemeinsam dafür einsetzen.

Gesunden, indem wir auf das Herz hören, auf Kooperation statt Konkurrenz, auf ein gutes Miteinander, auf wirkliche Werte und Bedürfnisse statt immer mehr Konsum, auf Solidarität und Teilen, auf den Einklang unseres Handelns mit unserer natürlichen Mitwelt.

Darin liegt der Schlüssel für ein gutes Neues Jahr, ein Schlüssel der Hoffnung und des Mutes. Ein Schlüssel auf dem Weg zum Glück und einem guten Leben für alle.

Nach uns die Zukunft! Zeit für eine neue Arche.

Gong

Ein großer Gong auf dem Paulsplatz sollte die Leute aufwecken: Es ist Zeit für Umkehr, Zeit für Veränderung! Wir können nicht weiter so leben wie bisher.

Wir aber wollen wir leben? So dass Alle in den Genuß eines Guten Lebens kommen? – Jahrelang haben die Frauen der IG BAU darüber nachgedacht und eine klare Position definiert. Für die Gestaltung der Zukunft sind wir alle verantwortlich. Und das jetzige wachstums- und profitorientierte System ist menschenfeindlich.

Unser aller Lebensgrundlage ist der verletzliche Planet, der besonderen Schutz benötigt. Wirtschaft muss dem Gemeinwohl dienen und auf Kooperation statt Konkurrenz abzielen. Arbeit darf nicht auf Erwerbsarbeit reduziert werden. Und die Entlohnung dieser Erwerbsarbeit muss nach oben und nach unten begrenzt werden. Zeit ist Leben. Es geht nicht an, dass Erwerbsarbeitszeit die erste Priorität im Leben innehat. Soziale Sicherung muss vom Erwerbseinkommen entkoppelt werden. Daher: JA zum Bedingungslosen Grundeinkommen.

Radiosendung zum BGE

Zwei unserer Aktiven, Elfriede und Roland, im Gespräch mit Michael pber das Grundeinkommen in Radio X:

Radio X – Bedingungsloses Grundeinkommen

Too big to fail? – Das ist fake-news!

David

Da er überzeugt ist zu siegen, weil er Recht gegen Frevel verteidigt, stellt sich der junge unerfahrene David dem gewaltigen Krieger Goliath entgegen. Nur mit einer Steinschleuder in der Hand geht er auf den schwer bewaffneten Riesen zu. Dieser fühlt sich verhöhnt von der Dreistigkeit Davids, ihn zu einem derart ungleichen Kampf herauszufordern. Doch mit unbeirrter Sicherheit zielt David auf Goliath und sein kleiner Stein trifft ihn tödlich am Kopf. Daraufhin reisst er dem Riesen das Schwert aus der Hand und enthauptet ihn.

Diese Geschichte vom Sieg des mutigen Machtlosen über jemanden der sich als “Too big to fail” propagiert, ist seit Jahrhunderten ein befreiendes Narrativ. Am Weltfrauentag 2017 haben wir dieses in den heutigen Kontext gestellt: Wenn Männer ihren fairen Anteil an der Care-Arbeit einfordern (und leisten) und es für Alle ein Bedingungsloses Grundeinkommen gibt, dann wird die angebliche Alternativlosigkeit des lebensfeindlichen kapitalistischen Systems zusammenbrechen. Denn dann werden Menschen nicht mehr als Arbeitskraft auf dem Erwerbsarbeitsmarkt erpressbar sein, weil ihre Existenz abgesichert ist. Nicht mehr Wachstum und Profit werden im Mittelpunkt der Wirtschaftspolitik stehen, sondern das Gute Leben für Alle.

(Dieser Beitrag erschien gleichzeitig auch hier

WENN UNSERE ARBEIT NICHTS WERT IST, DANN KÖNNEN WIR SIE NIEDERLEGEN!

So lautet eine der Kampfparolen, die zum globalen Streik für den 8.März 2017, dem Internationalen Frauentag, aufrufen.1

ItalFem 2

Wenn alles verdreckt, der Kühlschrank leer ist, keine sauberen Klammotten mehr im Schrank liegen, in der Wohnung chaotische Zustände herrschen, das Baby nach Kacke stinkt und weint, die Kinder laut und unbeaufsichtigt im Treppenhaus spielen und herumzündeln, ein dementer Opa orientierungslos durch die Strassen irrt und von der Polizei mit Rundfunkdurchsagen gesucht wird, eine behinderte Frau nach Urin stinkt, weil sie ihre Hosen immer wieder nur über der Stuhllehne trocknen läßt, statt sie gewaschen zu bekommen, eine alte Oma stundenlang vor ihrem Bett auf dem Boden liegen bleibt, weil niemand auf ihr Rufen erscheint, usw…. dann kommt das große Empören! Wie ist das möglich!

Erst das Ausbleiben oder eben die Verweigerung bestimmter Tätigkeiten verdeutlicht, wie zentral diese sind. Erst wenn sie nicht ausgeübt werden, wird erkannt, wie notwendig sie sind. So notwendig, dass sie eingefordert werden, obwohl es für sie meistens weder Vertrag noch Bezahlung gibt. Ja, sie werden vielfach gar nicht als Arbeit angesehen, sondern als Privatsache, die nur die unmittelbar Beteiligten betrifft.

Der Staat – also die Allgemeinheit – wird in Fällen von Verwahrlosung eingreifen und Menschen bestrafen, weil sie ihrer gesetzlichen Verpflichtung nicht nachkommen, sich um ihre Familienangehörigen zu “kümmern” (“Eltern haften für ihre Kinder”). Schliesslich entspricht es unserer Vorstellung vom Menschen als Mitglied der Gesellschaft, dass die Allgemeinheit die einzelnen Mitglieder – gerade auch die Schwachen – zu schützen hat.

Das positive Kümmern, das Sorgen für Andere wird allerdings so gut wie gar nicht honoriert. Es wird einfach vorausgesetzt, wie unter der Feudalherrschaft der Frondienst vorausgesetzt wurde. Es gibt dafür weder einen Lohn noch Sozialversicherung und folglich auch keine Rentenansprüche. Denn “es ist ja gar keine Arbeit”.

Arbeit – da sind sich Gewerkschafter mit Politikern, Wirtschaftswissenschaftlern, “Arbeit-Gebern” und leider auch viele “Arbeit-Nehmer_innen” einig – ist nur eine Tätigkeit, die gegen Bezahlung geleistet wird. Auf dem “Arbeits-Markt”. Wir leben ja schliesslich nicht nur in einer “Marktwirtschaft”, sondern auch noch in einer “Marktkonformen Demokratie”. Und pikanterweise wird eine menschliche Tätigkeit, die unabdingbar für das menschliche und gesellschaftliche Leben ist, die Sorgearbeit, in unserer “Arbeitsgesellschaft” nicht als Arbeit anerkannt und Menschen, die sie ausüben, fast als leichtsinnige und dumme Schmarotzer angesehen, nämlich als “von anderen abhängig” – dem Ehemann oder dem Staat – stigmatisiert. Gleichzeitig genießen solche Menschen besonders großes Ansehen, die nicht unbedingt selbst, aber dafür “ihr Geld für sich arbeiten” lassen. Wie soll denn da die Parole verstanden werden: “Leistung muss sich lohnen”?

Es wird Care-Arbeitenden, Sorgetragenden schwer fallen, am 8. März durch einen Streik ihren grundlegenden Beitrag zum gesellschaftlichen Leben sichtbar zu machen. Die Motivation für ihre Tätigkeit sind ja die Menschen, die sie versorgen. Sie möchten, dass es diesen Menschen gut geht, dass sie sie gut versorgen können. Es geht hier nicht darum, dass Maschinen still stehen und Fabrikschlote nicht mehr rauchen, ja nicht einmal, dass Züge nicht mehr rollen oder Flieger nicht mehr fliegen. Es geht darum, dass Menschen nicht in ihren Exkrementen liegen bleiben, dass sie sich geborgen fühlen, zu essen bekommen, wissen, dass jemand da ist, dem sie etwas bedeuten.

Aber soweit wir können werden wir auf die Strasse gehen und fordern, dass CareArbeit anerkannt wird in ihrer zentralen Bedeutung. Dass sie verteilt wird auf viele Schultern. Dass sich mehr Männer einbringen auf diesem Gebiet.

Wir fordern faire Rentenansprüche für pflegende Angehörige und für Menschen, die unbezahlte Haus- und Familienarbeit leisten.

Wir fordern ein existenzsicherndes Bedingungsloses Grundeinkommen, das Menschen die Freiheit geben würde, weniger ihrer Lebenszeit für einen Brotberuf verbrauchen zu müssen, um mehr Zeit für Selbstsorge und Sorge für andere zu haben.

Wir laden daher ein für den 8. März: Zusammen FAIR-CAREn wir die Verhältnisse

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  • Wir streiken, denn wenn unser Leben nichts Wert ist, dann produzieren wir nicht. Wir streiken, um ein Einkommen zu fordern, dass uns ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht, um aus gewalttätigen Beziehungen auszubrechen, um der Erpressung durch Prekarität zu widerstehen, denn wir akzeptieren nicht, dass jeder Augenblick unseres Lebens für Arbeit eingesetzt wird; für einen europäischen Mindestlohn, denn wir sind nicht bereit, Hungerlöhne zu akzeptieren, und auch nicht, dass eine andere Frau, meist eine Migrantin, die Haus-und Sorgearbeit erledigt für einen Dumpinglohn und ohne Absischerung; SOZIALSTAAT FÜR ALLE, organisiert gemäß den Bedürfnissen der Frauen, der uns befreit vom Zwang, immer intensiver Reproduktionsarbeit zu leisten [zurück]